Spannende Geschichte - Die neue KohleWelt!

Land & Leute
Das einstige "Bergbaumuseum" im erzgebirgischen Oelsnitz hat sich gemausert: Die Geschichte des sächsischen Steinkohlebergbaus präsentiert sich hier zeitgemäß digital bis überwältigend real. Unbedingt anschauen!
Die ersten Schritte in der neuen Kohle-Welt führen abwärts. Wie sollte es auch anders sein beim Thema Bergbau. Doch der Abstieg mündet in keinem dunklen Schacht, sondern in einem sagenhaften Multimedia-Auftakt, der die Besucher eindrucksvoll auf ihren Ausstellungsbesuch einstimmt. Und der beginnt in längst vergangenen Zeiten, genauer: vor rund 300 Millionen Jahren.
Damals, so zeigt es der Ausstellungsbereich Geologie, wuchsen in tropisch-feuchter Wärme gigantische Urwälder im Gebiet des heutigen Sachsens, gelegen in Äquatornähe auf dem Urkontinent Pangäa. In den Jahrmillionen des Karbon-Zeitalters starben all die Bäume und Pflanzen immer wieder ab, machten Raum für neue Gewächse, die irgendwann ebenso im allgegenwärtigen Sumpf versanken. Durch den Mangel an Sauerstoff wurden sie im Lauf der Zeit zu Torf und unter wachsendem Druck zu Braun- und später Steinkohle. All das wird nachvollziehbar, teils mit digitaler Unterstützung oder an vielfältigen Fundstücken. Die Verwandtschaft zwischen Kohle, Graphit und Diamanten wird auf originelle Weise im „Tresor“ erzählt – und dann geht es wieder aufwärts. Mitten in den Dschungel hinein. Denn dieser originell inszenierte Steinkohlenwald schließt die längst vergangene Vorgeschichte der sächsischen Steinkohle und ist dabei so liebevoll und detailliert gestaltet, dass mancher Besucher gar nicht mehr fort möchte.

Überwältigende Technik trifft persönliche Geschichten

Doch angesichts der gewaltigen Maschinerie an der nächsten Station ist der liebliche Dschungel ohnehin schnell vergessen. Wenn nämlich Sachsens größte funktionsfähige Dampfmaschine zum Leben erwacht, zieht sie alle Aufmerksamkeit auf sich. Die 1.500 PS starke Fördermaschine ist erstaunlich leise, aber das offen sichtbare Zusammenspiel der gut geschmierten Mechanik lässt die enorme Leistung dieser Technik noch immer offenbar werden. Aus bis zu 560 Metern Tiefe holte sie hier die Kohle ans Licht – und die Menschen, die sie brachen. Die Bergleute sind es auch, denen diese Ausstellung gewidmet ist. Denn neben aller Technikbegeisterung macht sie klar, dass ohne deren Entschlossenheit und Tatkraft, ohne ihren Mut zum Risiko keine Tonne Steinkohle in die Schmiedeöfen oder Dampfmaschinen Sachsens gelangt wäre. 

Gekonnt lenkt die Schau den Fokus zuerst auf große Namen samt XXL-Porträt, um dann auch im Kleinen ganz persönlich zu werden. Karl Marx? Otto Lilienthal? Karl May? Die überraschenden Verbindungen jener großen Namen zum sächsischen Steinkohlenrevier führen die Besucher rasch zu vielen kleinen Geschichten aus unterschiedlichen Epochen. Das Verdienst von Georgius Agricola kommt zur Sprache, dessen Buch „De re metallica libri XII“ von 1556 als erste systematische technologische Darstellung des Berg- und Hüttenwesens gilt. Daneben findet sich der Lebensweg der zehnfachen Mutter Dorothea Sarfert, die als Witwe erfolgreich das Bergbauunternehmen ihres verstorbenen Mannes weiterführte. Oder die Geschichte vom Self-Made-Unternehmer Richard Hartmann, der sich bis zum späten 19. Jahrhundert einen legendären Ruf als Chemnitzer Maschinenfabrikant und „Lokomotivkönig“ erarbeitet hatte. Auch die Leistung des ersten „Aktivisten“ der DDR wird gewürdigt: In einer Hochleistungsschicht förderte der Bergmann Adolf Hennecke am 13. Oktober 1948 im Karl-Liebknecht-Schacht ganz allein stolze 24,4 Kubikmeter Kohle – fast das Vierfache der üblichen „Hauer-Norm“.

Soziale Fragen und Zwickauer Ananas

Wie die Bergbaugeschichte in Sachsen die Gesellschaft über Einzelschicksale hinaus geformt hat, zeigt sich im weiteren Fortgang der Schau. Sie beschreibt die 800 Jahre  Steinkohlenbergbau als breit angelegte und facettenreiche Geschichte, die im Mittelalter an freiliegenden Kohlenflözen begann und unter den historischen Hallen des heutigen Museums bis 1971 andauerte, mit bis zu 9.000 Beschäftigten. Der Streifzug durch die Jahrhunderte zeichnet nach, wie sich die Fördertechnik und das Transportwesen immer weiter verbesserte – was aber nicht immer auf die Lebensbedingungen der Menschen zutraf. Denn gerade im Zeitalter der Industrialisierung bedeutete der unstillbare Kohlehunger der nahen Stahlwerke und Maschinenfabriken zwar exorbitante Profite für die Bergbauunternehmer, aber oft prekäre Verhältnisse für die Bergleute.

Auf der obersten Ebene wartet zudem ein berauschender Panoramablick auf das Erzgebirge rund um Oelsnitz. Hier oben bei der Turmfördermaschine beginnt dann auch die Tour ins Anschauungsbergwerk. Dieser geschlossene Teil des Museums ist nur im Rahmen einer Führung zu besuchen, die mindestens eineinhalb Stunden dauert. Die von Bergleuten originalgetreu nachgebauten Strecken machen die harte „Knochenarbeit“ der Kohlenkumpel unter Tage fast körperlich spürbar. Besonders, wenn einige der gewaltigen Abbau- und Fördermaschinen in Aktion treten.
Der Rundgang führt schließlich über die authentische „Lohnschalterhalle“, an der tatsächlich die Löhne ausgezahlt wurden, und eine nachempfundene Bergarbeiterkneipe, in deren Deko auch der berühmt-berüchtigte „Kumpeltod“-Schnaps nicht fehlt. Und auf dem Weg zum Foyer passieren die Besucher schließlich einen kleinen Gedenkort, der sich einer weiteren Realität des Kohlenbergbaus stellt: Er gedenkt all jener Kumpel, die unter Tage beim Kampf um das schwarze Gold ihr Leben verloren.

Weitere Informationen: www.kohlewelt.de

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