Plauen: Die historische Straßenbahn "Bierelektrische"

Tipp
Sachsens Städte
Eine Großstadt ist Plauen heute nicht mehr, doch auf den Schienen der städtischen Straßenbahn sind die Zeiten des Spitzenbooms vor mehr als 100 Jahren noch immer lebendig.
1894 war es soweit: Plauen eröffnete feierlich seine erste Straßenbahnlinie. Nötig war diese elektrisch betriebene Neuheit ohne Frage: Seit dem Erfolg der maschinengefertigten Spitzen in den 1880er-Jahren boomte Plauen – das einst verschlafene Vogtlandstädtchen platzte aus allen Nähten. Entsprechend fieberhaft wurde das Straßenbahnnetz bis 1921
erweitert, denn die Zahl der Einwohner wuchs immer weiter und stieg vor dem Ersten Weltkrieg bis auf 128.000. Der Rest ist Geschichte: Kriegsjahre, Weltwirtschaftskrise und
später die Jahrzehnte der sozialistischen Planwirtschaft stutzten die Boom-Stadt wieder auf ein geringeres Maß. Rund 66.000 Menschen leben heute in Plauen, aber die Straßenbahn gibt es immer noch. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn man sich hier nicht mit besonderer Hingabe diesem technischen und kulturellen Erbe widmen würde.

Nahverkehr wie vor 110 Jahren

Wagen 21 ist das Schmuckstück im Betriebshof der Plauener Straßenbahn GmbH (PSB). 1905 in Nürnberg gebaut, rollt der grün lackierte Oldtimer von Zeit zu Zeit noch immer
durch die Stadt. Auf den Eichenholzbänken nehmen dann Touristen oder Technik-Fans Platz, gelegentlich auch eine Hochzeitsgesellschaft. Denn den Bund fürs Leben kann man im Vogtland auch auf zwei Schienen schließen, im Standesamt mit Spurbreite 1.000 Millimeter. Einzige Vorschrift: Der Wagen muss beim Ja-Wort stehen.

Daneben seien die historischen Straßenbahnen bei den Stadtfesten ein echter Publikumsmagnet und eine beliebte Attraktion für private Feste oder Firmenfeiern.
Dafür stehen noch die Wagen 51 und 79 im Fuhrpark. Beim 51-er aus dem Jahr 1928 ist wohl jede Menge Fingerspitzengefühl notwendig. Bei den starken Steigungen und Gefällestrecken muss wirklich jeder Handgriff sitzen. Dass es da so manchen Technik-Fan in den Fingern juckt, kann Karsten Treiber gut verstehen. Sein Unternehmen stellt deshalb auch für Laien einen „Straßenbahnführerschein“ aus. Ganz so historisch sind die Bahnen dabei allerdings nicht. Nach einer zwanzigminütigen Einweisung geht’s los, natürlich
unter fachkundiger Aufsicht.

Wenn die Wirtschaft rollt

Mehr als vier Jahrzehnte Fachkunde hat auch Peter Schöberlein aufzubieten. Nach 42 Jahren als Straßenbahnfahrer führt er seine Passion auf besondere Weise weiter: als Pächter der „Bier-Elektrischen“. Dabei handelt es sich um einen umgebauten Gotha- Straßenbahnwagen aus dem Jahr 1966. Der wurde 1991 mit Unterstützung der Sternquell-Brauerei zum Salonwagen mit 18 Plätzen umgerüstet und ist nun mehr als 300 Mal pro Jahr im Plauener Streckennetz unterwegs. 

Über 87.000 Passagiere hat er inzwischen befördert. Fahren muss er nicht mehr, das
übernimmt ein PSB-Kollege, sodass er sich an der Zapfanlage um das leibliche Wohl seiner Gäste kümmern kann. Auf der Speisekarte hat er neben einer regionalen Getränkeauswahl auch kleine Snacks und auf Wunsch organisiert er ein Catering für besondere Anlässe. Das ist natürlich gut für den Umsatz, aber er denkt auch an besonders sparsame Gäste. Für die hat er ein Glas Leitungswasser mit einer Scheibe trockenem Brot auf die Karte gesetzt.

stadtschoenheiten-sachsen-titel-2024.jpg
© Philipp Herfort
Magazin Stadtschönheiten Sachsen
19. Dezember 2025

In der Nähe