Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch: Erste Doppelschau im Albertinum Dresden

Panorama der Lebensfragen

Tipp
Sachsens Städte

Panorama der Lebensfragen

Zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker laden die Kunstsammlungen in Dresden einen Gast ein: Edvard Munch. Die erste Doppelschau beider Künstler macht die „Die Großen Fragen des Lebens“ zu einem bemerkenswerten Kunsterlebnis.
Wie passt das zusammen? Die gebürtige Dresdnerin Paula Modersohn-Becker und der norwegische „Nationalmaler“ Edvard Munch? Selbst Generaldirektor Bernd Ebert gibt zu, dass der sich diese Frage anfangs auch gestellt habe. Aber jetzt verspricht er dem Publikum voller Überzeugung: „Das macht absolut Sinn.“

Seit dem 8. Februar 2026, dem 150. Geburtstag der Malerin, können sich Kunstbegeisterte bis Ende Mai im Albertinum selbst davon überzeugen. Denn tatsächlich nähert sich die Ausstellung sehr konkret den großen Fragen des Lebens, von den ersten Tagen bis zum letzten Atemzug –dazwischen Liebe, Schmerz, Glück, Verlust, Schönheit, Einsamkeit und immer wieder: die Natur. Und obwohl die Karrieren von Modersohn-Becker und Munch kaum Schnittmengen aufweisen, ergänzt sich ihre Kunst mit überraschender Selbstverständlichkeit. Jedes der 151 Werke wird so zum Steinchen in einem Mosaik des Lebens um die Wende zum 20. Jahrhundert.

Website zur Ausstellunghttps://albertinum.skd.museum/ausstellungen/paula-modersohn-becker-und-edvard-munch

Gegen die Zwänge der Zeit

Unkonventionell bis zum Skandal suchte Edvard Munch nach immer neuen Ausdrucksformen in einer Welt, die für viele Menschen aus den Fugen schien. „Aus seinen Werken spricht die Auflehnung gegen Konventionen und Stillstand, für eine Zukunft ohne die einengenden Tabus der Gesellschaft“, sagt Birgit Dalbajewa, die gemeinsam mit Andreas Dehmer die Schau kuratierte. Das gleiche gelte für Paula Modersohn-Becker, doch ihre künstlerische Arbeit fand weitgehend im Verborgenen statt.

Während die Bilder des 13 Jahre älteren Norwegers in der Öffentlichkeit hitzig diskutiert wurden, wuchs Modersohn-Beckers Werk im Privaten und wurde allenfalls im Kreis befreundeter Künstler wahrgenommen. Denn ihr Kampf gegen die Konventionen war ungleich mühsamer, weil die Rolle einer Frau als eigenständige Künstlerin in der Gesellschaft schlicht nicht vorgesehen war. Zwar fand sie in ihrem späteren Ehemann Otto Modersohn einen großzügigen Förderer, der ihr immer wieder auch Studienaufenthalte in Paris ermöglichte und sie in die von ihm mitgegründete Künstlerkolonie Worpswede einführte. Dennoch blieb ihr zu Lebzeiten eine Ausstellung verwehrt und ihr früher Tod im Wochenbett mit nur 31 Jahren nahm ihr zugleich die Chance auf ein selbstbestimmtes Dasein als Künstlerin.

Zurück blieben 750 Gemälde und rund 1.000 Zeichnungen einer, die stets ganz nah am Leben sein wollte – in allen seinen Facetten. Deutlich wird das an ihren eindrücklichen Kinderporträts oder den stillen norddeutschen Landschaften in ihren Gemälden. Sie zeigt gänzlich unromantische Szenen des Landlebens und macht die unterschiedlichen Aspekte der Mutterschaft immer wieder zu ihrem Sujet. Was alle Werke vereint, ist ein liebender Blick auf die Menschen und die Natur, der gänzlich ohne Pathos auskommt.

Das ist bei vielen Munch-Bildern anders, aber sie komplettieren die Schau dennoch auf beeindruckende Art. Modersohn-Beckers starken Fokus auf Kindheit oder Harmonie ergänzten sie um einen dunkleren Ton, der den Schmerz und auch das Sterben als Lebensthemen aufgreift.

Gemeinsame Sehnsucht

Die Parallelen des Künstler-Duos sind jedoch unübersehbar, wenn es um die Liebe zur Natur und ihre Wahrnehmung als Hort des „Echten“ geht. Beide waren Anhänger von naturnahen Reformbewegungen und sie eint die Sehnsucht nach bodenständiger Ruhe und Verlässlichkeit in unübersichtlichen Zeiten. Darin dürften auch viele Besuchende die Brücke ins Heute finden: Der Rückzug ins Private, der Frieden in der Natur schafft auch heute Distanz zum Lärm der Zeit und dem Getöse der Krisen.

Wie gut diese Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart funktioniert, zeigt das begleitende Projekt „Life Letters“. Im Kontext der Werke sind die Gäste der Ausstellung eingeladen, eigene Texte beizusteuern – mit überraschend vielfältigem Erfolg, wie Kurator Andreas Dehmer weiß. „Weil wir als Kuratoren nicht alle ‚großen Fragen des Lebens‘ beantworten können, haben wir sie auch an das Publikum weitergereicht.“ Eine ständig aktualisierte Medienstation im Eingangsbereich bereitet diesen „Lebensbriefen“ eine große Bühne. Sie macht die Kunst persönlich und kartiert gleichsam das weite Spektrum der Gefühle, die bis heute aus diesen Bildern spricht. Ein Porträt von Modersohn-Beckers Bruder als Seemann kommentiert eine Besucherin mit Erinnerungen an ihren Bruder, der ebenfalls zur See fährt. Die ausgestellte Winterlandschaft Munchs weckt offenbar bei vielen Menschen die unterschiedlichsten Kindheitserinnerungen und bei anderen Werken kommen sehr emotionale Reaktionen zu Verlust, Angst und Schmerz zur Sprache.
 
Diese interaktive Ebene gibt der Ausstellung eine zusätzliche Tiefe und macht sie nahbar – ganz unabhängig von Herkunft und kulturellem Kontext, wie die vielen Sprachen der Beiträge zeigen. Am Ende steht die Erkenntnis, dass „Die großen Fragen des Lebens“ zwei Einzelgänger ihrer Zeit zusammengebracht haben – und sich diese Fragen bis heute kaum geändert haben.

In der Nähe