Schöne Aussichten bei 25 km/h

Wo sich Nostalgie einschleicht und Zeit keine Frage der Geschwindigkeit ist

Mit 250 Stundenkilometern rast die Welt im ICE im Zeitalter der Hochgeschwindigkeit wie nichts vorbei. Kaum aus dem Abteilfenster geblickt, ist die nähere Umgebung zurückgelassen. Keine Zeit, mit den Augen zu verweilen. Kaum eingestiegen, ist das Ziel erreicht. Dennoch: Im Zuge der vorrüberfliegenden Bilder bleiben Momente, um über den „schnellen Fortschritt" zu staunen. Nur die kindliche Eisenbahnnostalgie will sich nicht so recht einstellen. Die verbindet Zugfahren mit über Schienen ratternden Rädern, schnaufenden Motoren, dampfenden Schornsteinen und lustig pfeifenden schwarzen oder grünen Loks. So wie bei den Schmalspurbahnen, von denen es in Sachsen einschließlich der Parkeisenbahnen, Localbahnen oder auch Feldbahnen noch annähernd 20 gibt. Und bei 25 km/h, die die meisten von ihnen auf den „Tacho" bringen, schleicht sich Nostalgie ein und Zeit haben ist keine Frage der Geschwindigkeit, sondern des sich Zeitnehmens für ein besonderes Erlebnis.

Über 127 Jahre und kein bisschen alt

Wenn der Schaffner am Bahnhof Freital-Hainsberg vor den Toren der sächsischen Landeshauptstadt Dresden zur Abfahrt pfeift, dann begibt sich die älteste noch dienstfähige Schmalspurbahn Deutschlands auf Tour. Seit 1883 als „schmalspurige Secundärbahn Hainsberg-Schmiedeberg" im Einsatz, dampft die Weißeritztalbahn noch heute bis in den Kurort Kipsdorf  im Osterzgebirge. Der imposante Spannungsbogen zwischen Bahn und Natur ist es, der die Ausfahrt mit der 750-mm-Dampfbahn so besonders macht. Auf romantischer Strecke führt sie über 40 Brücken hinweg am Flusslauf der „Roten Weißeritz" entlang durch das etwa 5 Kilometer lange Landschaftsschutzgebiet „Rabenauer Grund", in dem sich die Weißeritz bis zu 100 Meter tief in die Erzgebirgsfelsen eingegraben hat. Attraktives Ziel des zu seiner Bauzeit als „theuerster Bahnbau Europas" bezeichneten Zuges ist vor allem in den Sommermonaten für Badelustige und Wassersportbegeisterte die Talsperre Malter, deren Staumauer mit 194 Metern Länge und 34 Metern Breite mächtig beeindruckt. Von jedem der 13 Haltepunkte entlang der 26 Kilometer langen Strecke aus bieten sich aber auch vielfältige Wandermöglichkeiten durch das enge Tal und die raue Kammlandschaft des Osterzgebirges. Täglich dampfen insgesamt 9 Zugpaare durch die Natur.

Die Jüngste ist auch schon „100"

Ebenfalls auf schmaler Spur in die höchstgelegene Stadt Deutschlands fahren, kann nur eine Bahn: Die Fichtelbergbahn im oberen Erzgebirge. Seit 1897 dampft sie zwischen Cranzahl und dem Kurort Oberwiesenthal sommers wie winters täglich die 17 Kilometer lange Strecke. Mit 500 Pferdestärken „unter der eisernen Haube" und 25 Stundenkilometern hat sich diese Schmalspurbahn durch 102 Jahre sächsische Eisenbahngeschichte geschnauft. Wer einsteigt, beginnt eine einstündige Fahrt voller Liebreiz. Durch beschauliche Ortschaften im Sehma- und Pöhlbachtal und eine einzigartige Landschaft sind die Schönheiten des Erzgebirges zum Greifen nah. Dichte Fichtenwälder säumen den Schienenweg und lassen den mitreisenden Gast die Natur förmlich einatmen.

Und wenn es auf der abwechslungsreichen Berg- und Talfahrt auch „hoch und runter" geht, so ist es ihr nicht anzumerken, dass die jüngste sächsische Bahn mit Tempo 25 nahezu 240 Höhenmeter zurücklegt. Höhepunkt unterwegs ist zweifelsohne ein mächtiges, 110 Meter langes und 23 Meter hohes Stahlgitterviadukt vor dem Oberwiesenthaler Bahnhof.

Neun Haltepunkte fährt die „betagte Dame" an und bringt ihre Gäste in Oberwiesenthal zu wunderschönen Zielen - ob es der höchste Berg des sächsischen Erzgebirges, der „Erlebnispfad Bimmelbahn" parallel zur Fichtelbergbahn oder das Schmalspurbahnmuseum in Oberrittersgrün ist.  

Über 17 Brücken muss sie fahr`n

Abfahrt für den 30-kmh-Express heißt es seit über 125 Jahren für die Lößnitzgrundbahn, die auf schmaler Spur zwischen Radebeul und Radeburg verkehrt. 1884 ging der von Kennern und Anwohnern liebevoll auch „Lößnitzdackel" genannte, dampfbetriebene Zug als vierte sächsische Schmalspurbahn zur Personen- und Güterbeförderung in Betrieb. Die Strecke mit 11 Bahnhöfen und Haltepunkten, 17 Brücken und 75 gebauten Durchlässen führt durch den malerischen Lößnitzgrund. Den Ausgangspunkt nimmt die einstündige Tour in der zumindest bei Abenteuer-Leseratten bekannten Kleinstadt Radebeul. Hier lockt das legendäre Karl-May-Museum in der Villa Bärenfett jährlich Tausende Besucher an. Und noch eine Attraktion eröffnet sich dem Mitreisenden kurz nach dem Abfahrts-Pfiff: Deutschlands erstes Licht-Luft-Bad, das 1905 vom Heilpraktiker F. Eduard Bilz eröffnet wurde und seit 1911 die älteste Undosa-Wellen-Anlage Europas besitzt. Von hier aus erklimmt die Bahn in scharfen Kurven ihren Höhepunkt und überquert den 210 Meter langen Damm am Dippelsdorfer Teich Richtung Moritzburg. Wer in Moritzburg aussteigt, findet lohnenswerte Ziele wie das weit über Sachsen hinaus bekannte barocke Jagd- und Lustschloss von August dem Starken mit seinem sehenswerten Park oder zahlreiche Badeseen. Ziel der einstündigen Erlebnisfahrt ist Radeburg, ein Städtchen, in dem der bekannte Berliner Maler und Zeichner Heinrich Zille geboren ist. Doch wie ihre „Kolleginnen" Fichtelbergbahn, Weißeritztalbahn und die Schmalspurbahn Zittau-Johnsdorf-Oybin ist die Lößnitzgrundbahn keineswegs nur für Ausflügler startbereit. Berufspendler und Schüler nutzen sie als „richtiges Verkehrsmittel", das seit 1998 in den Verkehrsverbund Oberelbe integriert ist.

Z.O.J.E - Zug ohne jegliche Eile?

Obwohl sie wie fast alle anderen auch mit 25 Stundenkilometern durch die Landschaft „zuckelt", hat das langsame Reisetempo nichts mit „Bummeln" zu tun. Es liegt wahrscheinlich daran, dass die östlichste der sächsischen Bimmelbahnen, die Schmalspurbahn Zittau-Oybin-Jonsdorf, ihren Mitreisenden Zeit lässt, die vorbeigleitenden Landschaftszüge zu genießen. Und das Oberlausitzer Bergland ist es wert, mit Genuss betrachtet zu werden. Allein die mittelalterliche Stadt Zittau im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien mit ihrer wunderschönen Altstadt, ihren Kirchen und der Faszination, das in Europa einzigartige Fastentuchmuseum zu besitzen, bietet einen schönen Ausgangspunkt für die 50-Minuten-Reise nach Jonsdorf oder Oybin. Hinaus aus der Stadt schlängelt sich der Zug bergan über zwei Stahlbrücken durch das neu entstandene Naherholungsgebiet „Olbersdorfer See" bis nach Bertsdorf. Nach rund 10 Kilometern trennen sich hier die Wege, denn von hier hält die „Zittauer Bimmelbahn" mit der Doppelausfahrt in die Kurorte Jonsdorf und Oybin ein außergewöhnliches Erlebnis bereit. Wer sich für das Örtchen Oybin entschieden hat, ist auf dem Weg ins touristische Zentrum des Zittauer Gebirges. Hier darf sich der Enthusiast auf einen Berg freuen, der nicht nur so heißt wie der Kurort, sondern vor allem wegen seiner Form bekannt ist. Er ähnelt einem Bienenkorb.

Auf seiner Spitze entdeckt der Reisende in der eindrucksvollen Landschaft des Zittauer Gebirges die Ruine einer alten Klosteranlage. Die hohen Sandsteinmassive boten schon in der Zeit der Romantik für die Maler Caspar David Friedrich und Gustav Carus Kurzweil. Die Fahrt in den Kurort Jonsdorf führt durch dichte Wälder. Am malerischen Hang des Jonsberges lernt der aufmerksame Fahrgast eine touristische Besonderheit der Region kennen: Die typischen Umgebindehäuser. Um all das entdecken zu können, braucht das Auge Zeit, und von dieser gibt es auf der gemütlichen Gebirgsfahrt jede Menge.

Bahnen mit Magnetwirkung

Die Preßnitztalbahn zwischen Wolkenstein und Jöhstadt gehört zum wohl wichtigsten touristischen Magneten in einem der schönsten und unberührtesten Täler des Erzgebirges, dem Preßnitztal. Mehr als 30.000 Fahrgäste statten der Bahn jährlich einen Besuch ab und erleben Eisenbahnnostalgie pur, denn einige Fahrzeuge stammen noch aus der Zeit der Jahrhundertwende. Kaum zu glauben, dass diese Bahn auch traurige Tage erlebte: 1984 nahmen Tausende Menschen an den Berghängen entlang der Trasse Abschied vom letzten Personenzug der auch außerhalb Deutschlands bekannten   Schmalspurbahn. 1986 wurde schließlich auch der Güterverkehr eingestellt. Doch dank des 1990 gegründeten Interessengemeinschaft Preßnitztalbahn e.V. dampft sie heute wieder fröhlich ab. Ähnlich „erging" es auch der Döllnitztalbahn. Nach fünfjähriger Pause wurde sie 1994 dank der Vereinigung „Pro Bahn e.V" wieder in Betrieb genommen. Nach der Wende erlebte die Bahn ihre in der über 100jährigen Geschichte längste Talfahrt. Nach umfangreichen Modernisierungen gilt sie heute als die am besten erhaltene sächsische Schmalspurbahn. Als „Wilder Robert" streift sie immer am letzten Wochenende im Monat auf der Strecke Leipzig - Dresden mit Oschatz eine der ältesten Städte Ostdeutschlands und hält im einst größten europäischen Schmalspurbahnhof in Mügeln.

Klein, schmal und ganz schön in Fahrt

Wer glaubt, dass nur die „Großen" unter den „Kleinen" Anziehungspunkte sind, der irrt. Sachsen beherbergt mit der Waldeisenbahn in Bad Muskau darüber hinaus Deutschlands einzige noch an ursprünglicher Stelle verkehrende Schmalspurbahn. Auf acht Kilometern Länge dampft sie auf 600 Millimeter breiten Schienen von Weißwasser (Lausitz) bis in den wegen seines schönen Rhododendronparks bekannten Ort Kromlau. Kurz nach ihrer Entstehung im Jahre 1895 als Pferdebahn namens „Gräfliche von Arnimsche Kleinbahn" verband sie auf über 50 Kilometern Feldbahngleisen Braunkohlegruben, Sägewerke, Papierfabriken oder Ziegeleien.

Jedem seine Park(eisen)bahn  

Im südlichsten Zipfel Sachsens rattert unterdes auf einem Rundkurs von einem Kilometer die umweltfreundlichste Parkbahn Deutschlands. Seit 35 Jahren zieht eine 8,5 Tonnen schwere und 7,5 Meter lange Tandem-Elektrolok gondelartige bunte Wagen unterhalb der bundesweit größten gemauerten Bruchsteingewölbebrücke in Plauen hinter sich her. Seine Umweltfreundlichkeit verdankt der Zug übrigens (s)einer Oberleitung.

In gut 90 Minuten lädt auch die Lausitzer Grubenbahn auf einer besinnlichen „Grünfahrt" durch das ehemalige Braunkohlengebiet von der alten Brikettfabrik Knappenrode zum Mariensterner Klosterforst. Ein Zugfunk informiert den neugierigen Passagier über alles Wissenswerte unterwegs.  

Als Miniatur-Nachbildung der ersten deutschen Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth ist „Der Adler" in der östlichsten Stadt Deutschlands, in Görlitz, bekannt. Wie damals trägt der Lokführer Frack und Zylinder. Sicher hat auch das dazu beigetragen, dass seit 1976 mehr als eine Million Fahrgäste auf den 665 Metern auf schmaler Spur unterwegs waren.  

Übrigens: Die Dresdner Parkeisenbahn ist eine Sächsische Staatsbahn. Sie führt auf einem 5 Kilometer langen Rundkurs durch die mit 200 Hektar Fläche älteste und größte Gartenanlage der sächsischen Landeshauptstadt. Die Strecke der kleinen Bahn, dessen wahrscheinlich beliebtester Mitstreiter das Eisenbahnmaskottchen, Eichhörnchen Parkolino, ist, hält so manche Sehenswürdigkeit bereit, vom Gondelteich „Carolasee" über herrlich bepflanzte Beete, sehr alte Bäume und - nach ihrer Fertigstellung im Jahr 2000 - die weltweit einzigartige Gläserne Manufaktur von Volkswagen. Weitere Parkeisenbahnen bereiten zudem in Leipzig-Auensee und in Chemnitz Freude.

Selbst in der bizarren Felsenwelt des Elbsandsteingebirges fehlt die Attraktion Bahnfahren nicht. Hier bringt die mit Sonnenenergie betriebene Kirnitzschtalbahn den Wanderer, Naturfreund oder Kurgast mitten in den Nationalpark Sächsische Schweiz. Schon von weitem leuchtet der gelbe Wagen der 96jährigen „Elektrischen". Endpunkt der 8 Kilometer langen Reise durch das wildromantische Tal der Kirnitzsch ist der Lichtenhainer Wasserfall. Von hier aus kann man den Nationalpark auf über 15 Kilometern durchwandern.

Der Gedankenexkurs zum nostalgischen Erlebnis des Eisenbahnfahrens führt so manchen „Entdecker" auch in die Stadt mit Europas einzigartigem gusseisernen Turm, nach Löbau. Es ist ein Hobbyeisenbahner, der die einzig fahrbereite Babylok 7790 von Krauss & Co 200 Meter entlang seines Gartenzauns quer durch`s Erdbeerfeld zischen lässt.

Ein großes Herz zur Sache

Leider hört alle Nostalgie beim Geld auf. Die rasende Geschwindigkeit des ICE bedeutet für die moderne Bahn eine Errungenschaft, die exklusive Fortbewegung in einer modernen Zeit ermöglicht. Wer hat da schon Zeit und vor allem Geld, um sich um alte Gleise und zum Teil noch ältere Loks zu kümmern? Manch Schmalspur-Rarität, von denen, die noch am Leben ist, wäre unter den Hammer gekommen, gäbe es nicht die vielen Eisenbahnvereine. Wie sie auch alle heißen: In ihnen schlägt ein großes Herz zur Sache, das es vermag, die kindliche Eisenbahnnostalgie zurückzubringen. Egal mit welcher Geschwindigkeit die Zeit vergeht.

Kontakt: Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen mbH, Bautzner Str. 45-47, D-01099 Dresden, Tel.: 0351-491700, Fax: 0351-4969306, infoge-@sachsen-tour-schützt.de, www.sachsen-tourismus.de